Meine Reise als Erasmusstudent begann Ende September 2015. Mit dem Zug fuhr ich von Deutschland nach Posen – mit dem Berlin-Warszawa Express in nur zwei Stunden zu erreichen. Hier empfiehlt es sich besonders im Speisewaggon, dem WARS, zu essen. Im Vergleich zum Bordrestaurant der Deutschen Bahn kann man sich dies ruhig einmal gönnen. In Posen angekommen, kam ich nach einem kurzen Fußweg an meinem zukünftigen Zuhause an. Hier begrüßten mich die Damen an der Rezeption, wo ich meinen Zimmerschlüssel und Bettwäsche von ihnen erhielt.
Ich war sehr dankbar darüber, dass mir als Austauschstudent ein Platz im Studentenwohnheim „Jowita“ am Rondo Kaponiera von der Universität angeboten wurde, denn so konnte ich mich nach der Reise gleich wie zu Hause fühlen. Wie sich herausstellte, war zumindest meine Etage frisch renoviert worden und so konnte ich von nun an jeden Morgen mit Blick auf die Stadt meinen Tag beginnen und das Ganze für nur umgerechnet 150 €, was schon zu den teuersten Wohnheimen Posens gehörte. Unweit von meiner Wohnung befand sich auch meine Universität, die Adam-Mickiewicz-Universität. Nach einer Willkommenszeremonie im Collegium Minus, lernte ich die ersten anderen Austauschstudenten bei einem leckeren Buffet kennen. Diese stammten nicht nur aus Europa, sondern aus aller Welt. Die Stadt gehört mit ihren 500.000 Einwohnern zu den fünf größten Städten Polens. Mit 40.000 Studenten ist Posen eine große und recht typische Studentenstadt und hat alles, was das Studentenherz begehrt: Cafés, Theater, Kino, Partys, typisch polnische Küche, aber auch etwas für die ruhigen Tage, grüne Parkanlagen sowie den großen Malta-See, auf dem sich regelmäßig die internationale Kajak- und Kanuelite misst. An kalten Wintertagen laden die unzähligen „Centra Handlowe“ – also die polnischen Shoppingmalls, allen voran das Stary Browar, ein, um seine Zeit in ihnen bei wohlig warmen Temperaturen zu verbringen.
Als die Uni begann, hatte ich zunächst eine Woche Zeit, mich in die verschiedensten Veranstaltungen hineinzusetzen, um zu sehen, ob sie mir gefielen bzw. ob ich sie mit meinen Polnischkenntnissen verfolgen können würde. Ich entschied mich letztendlich für Veranstaltungen im Bereich Konsekutiv- und Simultandolmetschen, da ich der Meinung war, dass ich dadurch meine Sprachkenntnisse in kürzester Zeit und am effektivsten ausbauen konnte. Denn hier steht der aktive Sprachgebrauch an erster Stelle. Außerdem entsprachen diese Kurse dem Angebot meiner Heimatuniversität, an der ich Übersetzen und Dolmetschen studiere. Ich war der einzige Ausländer in diesem Kurs und letztendlich waren wir sogar nur zu viert, was die Spracherfahrung noch intensiver gestaltete. Außerdem besuchte ich den für die Austauschstudenten extra konzipierten Polnischkurs für Ausländer, in den man je nach Sprachniveau eingeteilt wurde.
Selbstverständlich kommt man auch nur mit Englisch zurecht in dieser Studentenstadt, doch wenn man sich der Schwierigkeit der Landessprache annimmt, dann erreicht man, wie es Nelson Mandela einmal treffend sagte, nicht den Kopf, sondern das Herz der Polen. Diese Hürde war auch mit dem ein oder anderen Kopfschmerz verbunden, doch haben sich die Anstrengungen gelohnt und schon nach einigen Monaten lief es mit den Unterhaltungen viel besser. Die Dozenten in den Kursen waren stets rücksichtsvoll und hilfsbereit. Damit hatte man auch das Gefühl, Fortschritte zu machen.
Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf waren an jeder Ecke zu finden, die Preise waren für deutsche Verhältnisse recht erfreulich und selbst sonntags waren die Einkaufszentren geöffnet. Auch die Wochenmärkte an jedem größeren Marktplatz boten Obst und Gemüse zu erschwinglichen Preisen an. Die polnische Küche konnte man in den verschiedenen Bar Mlecznys kosten; so gab es bspw. pierogi, naleśniki oder bigos sowie surówki und pyry z gzikiem, ein typisch regionales Kartoffelgericht. Poznań, auf Polnisch auch die Hauptstadt der unterirdischen Orange (Kartoffel) genannt, ist wahrhaftig eine Stadt, die für den ein oder anderen Gaumenschmaus zu haben ist. Und da es sich aufgrund der niedrigen Preise kaum lohnt, sich an den Herd zu stellen, kehrte ich in den Freistunden in Restaurants und Cafés der Stadt ein. Für jeden Geschmack ist etwas dabei: von deftiger polnischer Küche bis hin zu internationalen und vegetarischen bzw. veganen Restaurants. Für den kleinen Hunger zwischendurch konnte man in den vielen Żabkas und Jeżyks (vergleichbar mit deutschen Kiosken, nur viel günstiger) an fast jeder Ecke etwas ergattern.
Da ich mein Erasmusjahr im Winter begann, – wovor der ein oder andere Ausländer sich schon grauste – musste man sich einige warme Quellen suchen. Die fand ich in den Thermen am Malta-See – dem größten Schwimm- und Erholungsbad Polens. Hier konnte man einmal so richtig ausspannen und von den kühlen Temperaturen kurz Abschied nehmen. Aber für den Winterliebhaber gab es direkt daneben die Skipiste sowie zahlreiche Möglichkeiten zum Schlittschuhfahren. Im Sommer verwandelte sich Malta dann in ein Badeparadies mit Sommerrodelbahn. Für die Kulturinteressierten gibt es jedes Jahr im Frühjahr die Museumsnacht, in der alle Museen umsonst ihre Türen öffnen. In den zwei Theatern in der Stadt gibt es auch für das studentische Portemonnaie das ganze Jahr über Vorstellungen.
Zu all diesen Aktivitäten brachte mich der öffentliche Nahverkehr, der für Studenten zum halben Preis verfügbar und für deutsche Verhältnisse fast wie geschenkt war (umgerechnet 40€ für ein ganzes Semester). Die Anbindungen von meinem Studentenwohnheim hätten nicht besser sein können. Man wartet keine fünf Minuten auf Bus oder Bahn.
Dank einer polnischen Erasmusstudentin, die ihr Auslandsstudium an meiner Heimatuniversität in Deutschland absolviert hatte, fand ich schnell Anschluss in der polnischen Gesellschaft. Sie zeigte mir die Stadt, stellte mich ihren Freunden und ihrer Familie vor – so wie es sich in Polen gehört mit einem guten Essen und kleinem Wodka. Dies wusste ich sehr zu schätzen und sah hierbei, wie gut das Austauschprogramm der Europäischen Union funktionierte. Selbstverständlich schmiedete ich auch internationale Freundschaften mit Spaniern, Katalanen, Asiaten, Georgiern, Aserbaidschanern, Indern, Pakistanern, Türken – Sie sehen schon, eine multikulturelle Gruppe, alle vereint in einem Wohnheim. Somit hielt ich zum Beispiel mein erstes Buch auf Georgisch in meinen Händen und war von der Schrift sehr beeindruckt. Was ich jedoch wirklich spannend fand, waren die vielzähligen Gründe, die die Menschen nach Posen gebracht hatten. So gab es diejenigen, die wie ich polnische Wurzeln hatten und diese in Polen wieder neu entdeckten, aber auch solche, die sich für Frédéric Chopin, Adam Mickiewicz oder Nikolaus Kopernikus interessierten, und nicht zuletzt natürlich auch diejenigen, die von den günstigen Lebenshaltungskosten angelockt wurden.
Nach neun Monaten Posen kann ich nur sagen, dass sich meine Reise hierher sehr gelohnt hat. Mit neuen Freundschaften im Gepäck und vielen unvergesslichen Momenten sowie fundierten Sprachkenntnissen fuhr ich zurück in die Heimat.
Do widzenia mój kochany Poznaniu!